Augen
Diagnoseverfahren in der Augenheilkunde
Wie der Augenarzt untersucht
Kaum ein Organ lässt sich so direkt betrachten wie das Auge. Hornhaut, Linse und Glaskörper sind durchsichtig – deshalb kann der Augenarzt mit Licht, Lupen und modernen bildgebenden Geräten bis zum Augenhintergrund blicken, ohne dass dafür ein Eingriff nötig ist. Dort sieht er Blutgefäße und mit dem Sehnervenkopf sogar einen Teil des Nervensystems unmittelbar vor sich. Viele Augenuntersuchungen geben deshalb nicht nur Auskunft über die Augen selbst, sondern liefern auch Hinweise auf Allgemeinerkrankungen wie Bluthochdruck oder Diabetes.
Am Anfang jeder Untersuchung steht das Gespräch (Anamnese): Welche Beschwerden bestehen, seit wann und auf welchem Auge? Gibt es Augenerkrankungen in der Familie, etwa einen Grünen Star? Welche Medikamente werden eingenommen, welche Vorerkrankungen bestehen? Danach folgen – je nach Fragestellung – einige der im Folgenden beschriebenen Verfahren. Die meisten davon sind schmerzfrei und dauern nur wenige Minuten.
Sehschärfe und Brillenwerte bestimmen
Die Sehschärfe (Visus) wird mit Sehzeichen geprüft, die in festgelegtem Abstand an der Wand, auf einem Monitor oder in einem Sehtestgerät gezeigt werden – meist Zahlen, Buchstaben oder Landolt-Ringe, bei denen man angeben muss, in welche Richtung die Öffnung eines Rings zeigt. Für Kinder, die noch nicht lesen können, gibt es Bildsymbole. Jedes Auge wird einzeln geprüft, zuerst ohne und dann mit Brille oder Kontaktlinsen. Ein Visus von 1,0 (100 %) gilt als normale Sehschärfe; viele junge Menschen sehen sogar etwas besser.
Um die passenden Brillenwerte zu ermitteln, misst ein Autorefraktometer zunächst objektiv die Brechkraft des Auges: Man blickt auf ein Bild im Gerät, während dieses automatisch Kurzsichtigkeit, Weitsichtigkeit und Hornhautverkrümmung (Astigmatismus) erfasst. Anschließend werden die Werte im subjektiven Abgleich verfeinert – mit dem bekannten Wechsel von Probiergläsern und der Frage „Besser so oder so?“. Bei Kindern kann die starke Naheinstellung des Auges (Akkommodation) die Messung verfälschen. Deshalb wird der Muskel, der die Linse verformt, mit Augentropfen für einige Stunden entspannt (Zykloplegie); erst dann lässt sich eine versteckte Weitsichtigkeit zuverlässig erkennen.
Untersuchung mit der Spaltlampe
Das wichtigste Arbeitsgerät in der Augenarztpraxis ist die Spaltlampe, ein Mikroskop mit einer schmalen, spaltförmigen Lichtquelle. Der Patient legt Kinn und Stirn auf eine Stütze, während der Arzt Lider, Bindehaut, Hornhaut, Vorderkammer, Regenbogenhaut und Linse in starker Vergrößerung betrachtet. Mit dem Lichtspalt erzeugt er einen optischen Schnitt durch die durchsichtigen Gewebe und erkennt so zum Beispiel Hornhautverletzungen, Entzündungszellen in der Vorderkammer oder eine beginnende Linsentrübung (Grauer Star).
Häufig wird zusätzlich ein Tropfen des gelben Farbstoffs Fluorescein ins Auge gegeben. Im blauen Licht leuchten dann Defekte der Hornhautoberfläche grün auf, außerdem lässt sich beurteilen, wie schnell der Tränenfilm aufreißt. Mit speziellen Kontaktgläsern, die nach einem betäubenden Tropfen auf die Hornhaut aufgesetzt werden, kann der Arzt an der Spaltlampe auch den Kammerwinkel (Gonioskopie) und die Netzhaut einsehen. Mehr dazu lesen Sie unter Untersuchung mit der Spaltlampe.
Messung des Augeninnendrucks
Ein erhöhter Augeninnendruck ist der wichtigste Risikofaktor für den Grünen Star (Glaukom), der den Sehnerv schleichend schädigt. Die genaueste Messmethode ist die Applanationstonometrie nach Goldmann: Nach einem betäubenden Tropfen mit Fluorescein wird ein kleines Messköpfchen an der Spaltlampe für einen Moment ganz leicht gegen die Hornhaut gedrückt; aus der dafür nötigen Kraft ergibt sich der Druck in Millimeter Quecksilbersäule (mmHg). Ohne Berührung arbeitet die Non-Contact-Tonometrie, bei der ein kurzer Luftstoß die Hornhaut verformt. Sie eignet sich gut als Suchtest, ist aber etwas ungenauer.
Da eine dicke Hornhaut zu scheinbar hohen und eine dünne Hornhaut zu scheinbar niedrigen Messwerten führt, wird bei Glaukomverdacht oft zusätzlich die Hornhautdicke gemessen (Pachymetrie). Der Augeninnendruck schwankt außerdem im Tagesverlauf; in Zweifelsfällen sind deshalb mehrere Messungen zu verschiedenen Uhrzeiten (Tagesdruckprofil) sinnvoll. Eine Druckmessung allein reicht für die Glaukom-Früherkennung nicht aus – erst zusammen mit der Beurteilung des Sehnervs und des Gesichtsfelds ergibt sich ein aussagekräftiges Bild.
Spiegelung des Augenhintergrunds
Bei der Funduskopie (Ophthalmoskopie) betrachtet der Arzt die Netzhaut, die Stelle des schärfsten Sehens (Makula), den Sehnervenkopf (Papille) und die Netzhautgefäße. Verengte Arterien und auffällige Gefäßkreuzungen können auf einen Bluthochdruck hinweisen, kleine Blutungen und Gefäßaussackungen auf eine diabetische Netzhauterkrankung, eine ausgehöhlte Papille auf einen Grünen Star. Auch Netzhautlöcher, aus denen sich eine Netzhautablösung entwickeln kann, werden auf diese Weise entdeckt.
Damit auch die Randbereiche der Netzhaut sichtbar werden, wird die Pupille meist mit Augentropfen erweitert (Mydriasis). Die Wirkung hält mehrere Stunden an: Man sieht unscharf, besonders in der Nähe, und ist blendempfindlich. Wer zu dieser Untersuchung geht, sollte deshalb nicht selbst mit dem Auto oder dem Fahrrad fahren und eine Sonnenbrille mitnehmen. Moderne Weitwinkel-Kameras können große Teile der Netzhaut teilweise auch ohne Pupillenerweiterung fotografieren; solche Fundusfotos eignen sich gut zur Verlaufskontrolle.
Prüfung des Gesichtsfelds
Das Gesichtsfeld ist der Bereich, den ein Auge beim Blick geradeaus wahrnimmt, ohne dass sich Kopf oder Auge bewegen. Ausfälle am Rand bemerkt man selbst oft lange nicht, weil das Gehirn die Lücken „auffüllt“ und das andere Auge sie ausgleicht. Bei der Perimetrie blickt der Patient in eine halbkugelförmige Schale auf einen festen Punkt und drückt eine Taste, sobald er irgendwo einen Lichtreiz wahrnimmt. Das Gerät verändert Ort und Helligkeit der Reize und erstellt daraus eine Karte der Lichtempfindlichkeit.
Die Untersuchung erfordert Konzentration und dauert pro Auge einige Minuten. Typische Ausfallmuster geben Hinweise auf die Ursache: Beim Glaukom entstehen bogenförmige Ausfälle, bei Erkrankungen der Sehbahn im Gehirn – etwa nach einem Schlaganfall oder bei einem Tumor der Hirnanhangdrüse – fallen oft bestimmte Hälften des Gesichtsfelds auf beiden Augen aus. Das Gesichtsfeld spielt außerdem eine Rolle bei der Frage, ob jemand zum Führen eines Kraftfahrzeugs geeignet ist.
Optische Kohärenztomographie (OCT)
Die optische Kohärenztomographie hat die Augenheilkunde in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Das Gerät tastet die Netzhaut berührungsfrei mit schwachem Infrarotlicht ab und erzeugt innerhalb von Sekunden hochauflösende Schnittbilder, auf denen sich die einzelnen Netzhautschichten unterscheiden lassen – vergleichbar einem Ultraschallbild, nur mit Licht und wesentlich feiner. So werden Flüssigkeitseinlagerungen in der Makula, Membranen auf der Netzhautoberfläche, Makulalöcher oder ein Verlust von Nervenfasern am Sehnerv sichtbar, oft bevor sie das Sehen beeinträchtigen.
Besonders wichtig ist die OCT bei der feuchten altersabhängigen Makuladegeneration und beim diabetischen Makulaödem: Hier entscheidet der Befund mit darüber, ob und wann erneut ein Medikament ins Auge gespritzt wird. Für solche Verlaufskontrollen übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten. Wird die OCT dagegen ohne konkreten Krankheitsverdacht zur Vorsorge gewünscht, ist sie in der Regel eine Selbstzahlerleistung (IGeL). Eine Weiterentwicklung, die OCT-Angiographie, stellt die feinen Netzhautgefäße sogar ohne Farbstoffinjektion dar.
Gefäßdarstellung mit Farbstoff
Bei der Fluoreszenzangiographie wird der Farbstoff Fluorescein in eine Armvene gespritzt. Er erreicht innerhalb weniger Sekunden die Netzhautgefäße, die dann mit einer Spezialkamera in schneller Bildfolge fotografiert werden. Undichte Gefäße, Gefäßverschlüsse oder krankhaft neu gebildete Gefäße zeichnen sich deutlich ab. Für die tiefer gelegenen Gefäße der Aderhaut wird der Farbstoff Indocyaningrün verwendet.
Nach der Untersuchung sind Haut und Urin vorübergehend gelblich verfärbt, der Urin oft bis zum nächsten Tag; das ist harmlos. Gelegentlich tritt kurz Übelkeit auf, sehr selten eine allergische Reaktion. Wer schon einmal auf Farb- oder Kontrastmittel reagiert hat, sollte das vorher unbedingt angeben, ebenso eine Schwangerschaft, eine eingeschränkte Nierenfunktion oder – wegen des Jodgehalts von Indocyaningrün – eine Jodallergie oder Schilddrüsenüberfunktion.
Ultraschall, Biometrie und Hornhautvermessung
Ist der Blick ins Auge versperrt – etwa durch eine sehr dichte Linsentrübung oder eine Blutung im Glaskörper –, kann der Arzt mit der Ultraschalluntersuchung (Sonographie) trotzdem feststellen, ob die Netzhaut anliegt oder ob sich im Auge ein Tumor gebildet hat. Die Schallsonde wird dazu einfach auf das geschlossene Lid aufgesetzt.
Vor einer Operation des Grauen Stars muss die Stärke der künstlichen Linse genau berechnet werden. Dazu werden die Länge des Augapfels und die Krümmung der Hornhaut vermessen (Biometrie), heute meist berührungsfrei mit optischen Verfahren. Die Hornhauttopographie erfasst Form und Dicke der Hornhaut als farbige Landkarte. Sie wird vor der Anpassung formstabiler Kontaktlinsen, vor Augenlaser-Eingriffen und zur Früherkennung des Keratokonus eingesetzt, einer fortschreitenden kegelförmigen Vorwölbung der Hornhaut.
Weitere Spezialuntersuchungen
Mit Farbtafeln – zum Beispiel den Ishihara-Tafeln, auf denen Zahlen aus bunten Punkten zusammengesetzt sind – und mit dem Anomaloskop wird das Farbensehen geprüft. Zur Beurteilung des beidäugigen Sehens und von Schielstellungen dienen der Abdecktest, bei dem abwechselnd ein Auge zugedeckt wird, sowie Tests für das räumliche Sehen. Der Schirmer-Test misst mit einem Filterpapierstreifen im Bindehautsack die Tränenproduktion und hilft bei der Abklärung trockener Augen.
Bei unklaren Sehstörungen, erblichen Netzhauterkrankungen oder Erkrankungen des Sehnervs leiten elektrophysiologische Verfahren elektrische Signale ab: Das Elektroretinogramm (ERG) zeigt, wie gut die Sinneszellen der Netzhaut arbeiten, die visuell evozierten Potenziale (VEP) messen die Leitung der Sehbahn bis zum Gehirn – zum Beispiel bei Verdacht auf eine Sehnerventzündung im Rahmen einer multiplen Sklerose.
Tipps für den Termin beim Augenarzt
Bringen Sie Ihre aktuelle Brille, gegebenenfalls Ihre Kontaktlinsendaten sowie eine Liste Ihrer Medikamente mit. Einige Arzneimittel sind für die Augen bedeutsam – etwa Kortison, bestimmte Malariamittel oder Mittel gegen Prostatabeschwerden, die bei einer Operation des Grauen Stars beachtet werden müssen. Weiche Kontaktlinsen sollten vor manchen Messungen einige Zeit nicht getragen werden; fragen Sie am besten schon bei der Terminvereinbarung nach. Ist eine Pupillenerweiterung geplant, organisieren Sie eine Begleitperson oder nutzen Sie öffentliche Verkehrsmittel.
Plötzlicher Sehverlust, neu auftretende Lichtblitze, ein „Rußregen“ oder ein Schatten im Gesichtsfeld sowie ein gerötetes, schmerzendes Auge mit Sehverschlechterung sind Warnzeichen, die umgehend augenärztlich abgeklärt werden müssen. Zur Früherkennung des Grünen Stars empfehlen die augenärztlichen Fachverbände ab etwa 40 Jahren regelmäßige Kontrollen; wer Diabetes hat oder in dessen Familie ein Glaukom vorkommt, sollte die Augen in festen Abständen untersuchen lassen. Zur richtigen Anwendung von Augentropfen und Augensalben beraten wir Sie in unserer Apotheke gern.
